Auf Montage
Gefasste Keramik 1600-2026
Es ist nicht leicht, ein schönes Gefäß herzustellen, es ist aber sehr leicht, irgendein Gefäß herzustellen – dementsprechend viele Gefäße gibt es auch. Und wenn sie ihre Funktion selten einbüßen, werden sie doch oft überzählig. Sie sammeln sich dann gern in Grüppchen, ganz hinten im Regal ineinandergestapelt – die deckellosen Schüsseln, die unbedeutenden Tassen, die ausgedienten Töpfe. Dass das keine singuläre Beobachtung ist und auch andere Haushalte als meinen betrifft, traue ich mich zu behaupten, weil ich regelmäßig (also wirklich regelmäßig, fast jeden Mittwoch Nachmittag) bei Carla Mittersteig, dem großartigen Second-Hand-Sozialmarkt in Wien, das Topfregal frequentiere und dort das Schönste, oder auch das Banalste, einsammle. In dem einen Gefäß hat vielleicht jemand eine kleine Orchidee geschenkt bekommen, an dem anderen damals 2003 Serviettentechnik ausprobiert. Die meisten Gefäße in dem Regal haben runde Querschnitte und gelegentlich Henkel oder Schnäbel. Sie sind großteils einfärbig glasiert oder lackiert und während ich sie einpacke (keines kostet mehr als einen Euro), denke ich daran, wieviel lieber ich jemand wäre, der sie aussortierte anstatt einkaufte. Ich bin aber auf einer Mission, und die hat mit einem Projekt zu tun, das vor drei Jahren in Hollenegg begann und mich jetzt wieder beschäftigt.
Damals stand die jährliche Ausstellung auf Schloss Hollenegg unter dem Titel East to West und beschäftigte sich anhand der Schlossbestände mit den Beziehungen zwischen Asien und Europa. Über etwa zwei Jahrhunderte hatten verschiedene Mitglieder der Familie Liechtenstein Objekte mit ganz unterschiedlichen Sammelmotiven zusammengetragen. Ein Objektgenre, das mich dabei besonders faszinierte, war das gefasste Porzellan: chinesische und japanische Gefäße, die nach ihrer Ankunft in Europa mit aufwendigen Metallmontierungen versehen wurden. Aus Vasen wurden Kerzenständer oder Kannen, Krüge bekamen metallene Deckel und Henkel, Schüsseln Füße.
Vor allem im Paris des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelte sich daraus eine Spezialität. Dort waren die marchands-merciers eine von sechs großen Kaufmannskorporationen der Stadt. Über sie schrieb man, sie seien « vendeurs de tout, faiseurs de rien » – Verkäufer von allem, Hersteller von nichts. Anders als Goldschmiede, Tischler oder Bronzegießer gehörten sie keinem Handwerk an und produzierten also nichts selbst. Deshalb konnten sie unterschiedliche Werkstätten zusammenbringen, Porzellane importieren, Goldschmiede mit Metallfassungen beauftragen, Ebenisten Sockel bauen lassen und aus bereits bestehenden Objekten neue entstehen lassen, oft mit dem Anspruch, nicht-europäische Objekte an die ästhetischen Anforderungen der aristokratischen europäischen Haushalte anzupassen.
Hier sind drei historische Beispiele, die ich besonders spannend finde:



Was mich an den Objekten besonders interessiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der an einem bestehenden Objekt weitergearbeitet wurde; ich finde spannend, wie es durch einen Sockel erhöht und mit anderen Objekten kombiniert, mit Henkeln greifbar gemacht wurde oder etwa als Kerzenständer eine neue Funktion bekommt. Während meiner Zeit in Hollenegg begann ich deshalb, die Keramiken aus der Rumpelkammer des Schlosses auf ähnliche Weise zu betrachten. Ich gab ihnen neue Aufgaben und so entstand damals aus einer schönen Vase mit Craquelé-Glasur ein Zahnputzbecher, aus vier gelben Töpfen ein Kerzenständer und ein weiterer aus einem eleganten Tonkrug mit rosa Verlauf.
Als Didier Courbot von der Galerie A1043 in Paris mich im Frühjahr kontaktierte und mir von der Ausstellung Ornamentum Est erzählte, schlug er vor, dass die Serie aus 2022 ja auch noch weiter wachsen könnte. In seinem Text zur Ausstellung verwendet er das Verb to accommodate, und beschreibt damit eine höfliche Art des Umgestaltens, die eben nicht ein ausgedientes Objekt zu Material werden lässt oder es ganz transformiert, sondern ihm die Möglichkeit gibt, in einem anderen Kontext wahrgenommen zu werden. Weil mir Höflichsein zusagt, auch zu Objekten, bin ich dieser Einladung gerne gefolgt und meine Familie an montierter Keramik ist nun um folgende Objekte reicher. Es gibt:
– Einen Brief- und Stiftehalter (secretary vessel), der mich zum Schreiben motivieren soll – gewidmet den zwei Brieffreundinnen, die ich letztes Jahr nach nur einem Briefwechsel hängengelassen habe;
– eine schöne Vase mit Aufschrift PRESSEFAHRT 1961, die einen Stöpsel bekommen hat;
– einen rosa Krug aus Hollenegg, den ich damals zum Kerzenhalter gemacht hab; er ist jetzt ein Kompass, quasi Richtungskrug. Ich mag es, dass der Schnabel des Kruges jetzt genordet werden kann
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– ein Amarenagefäß, das den Löffel zum Naschen bereithält
– drei Kelche
– ein Objekt zur dreifachen Aufbewahrung sehr kleiner Dinge
– eine große Bodenvase, die künftig bei mir im Vorzimmer stehen und dort unsere Schlüssel halten wird.
Fünf der Gefäße habe ich diese Woche nach Paris mitgenommen. Sie sind von 4.–31.Juli in der Galerie A1043 ausgestellt.








